| 2005 ist das Jahr der politischen Bildung, vom Europarat als
„Europäisches Jahr der Bürgerschaft durch Bildung“ ausgerufen, der mit
diesem Jahr die Empfehlung des Ministerrates (2002)12 vom 16. Oktober
2002 in die Tat umsetzte. „Bildung für demokratische Bürgerschaft“
stellte der Ministerrat fest, „ist eine fundamentale Voraussetzung für
die Kernaufgabe des Europarates, eine freie, tolerante und gerechte
Gesellschaft zu fördern“, die die Grundlagen der Demokratie
verteidigt:„ die Werte und Prinzipien von Freiheit, Pluralismus,
Menschenrechten und der Herrschaft des Rechts“.
Schon seit 1997 arbeiten die 46 Nationen des Europarates in einem
Projekt zusammen, das in seiner zweiten Phase von 2001-2004 die
Durchsetzung einer„Bildung für demokratische Bürgerschaft“ in Schule
und Hochschule, in außerschulischer Jugend- und Erwachsenenbildung, in
der beruflichen und informellen Bildung zum Ziel hat. Alle
Mitgliedsstaaten sind aufgefordert, die notwendigen Voraussetzungen und
Rahmenbedingungen zu schaffen, um „multi-dimensional und ganzheitlich“
für die „Demokratie zu lernen und zu leben“.
Diese ehrgeizige Formulierung schließt die Bildung für Demokratie
und Menschenrechte als integralen Teil des Konzepts vom lebenslangen
Lernen ein und erklärt politische Bildung für „unverzichtbar für die
Entwicklung und Sicherung demokratischer Werte“. „Bildung für
demokratische Bürgerschaft“ – erklärte der Europarat – „trägt bei zum
sozialen Zusammenhalt, zu wechselseitigem Verständnis, zum
interkulturellen und interreligiösen Dialog und zur Solidarität. Sie
fördert das Prinzip der Gleichheit von Männern und Frauen und ermutigt
harmonische, friedliche Beziehungen zwischen den Völkern. Sie
verteidigt und entwickelt eine demokratische Gesellschaft und Kultur.“
Politischer Bildung, der Bildung für demokratische Bürgerschaft und
Menschenrechte, wird mit diesen Zuschreibungen die Schlüsselaufgabe in
einer lebendigen demokratischen Gesellschaft übertragen und anvertraut.
Es ist eine späte Anerkennung des schlichten Umstands, aber auch der
bitteren historischen Erfahrung, dass eine Demokratie ohne Demokraten
nicht überlebensfähig ist; dass Lernen für die Demokratie nicht mit der
Schule abgeschlossen ist, sondern von jeder Generation und in jedem
Lebensalter neu begründet, interpretiert und weiter entwickelt werden
muss; dass Demokratie überzeugte und überzeugende Menschen braucht, die
ihre Werte und Prinzipien leben.
Am Ende dieses für die politische Bildung so bedeutsamen Jahres sind
die erklärten Ziele an den Ergebnissen zu messen, auf europäischer und
nationaler Ebene. Das Europäische Jahr sollte Ausgangspunkt für neue
Perspektiven sein, für Europa und für die Mitgliedsstaaten des
Europarats. Es sollte beitragen zur Entwicklung und Formulierung von
Politiken, die demokratische Bürgerschaft und
Menschenrechtsbildung fördern, sichern und verbreiten. Akteure des
formalen, nicht-formalen und informellen Bildungswesens sollten ihre
Erfahrungen einbringen, austauschen, die Praxis entwickeln, mit Politik
und Administration die Rahmenbedingungen verbessern und Bildung für
Demokratie und Menschenrechte zum vorrangigen Ziel der Bildungspolitik
und von Bildungsreformen machen.
Der auf der Eröffnungskonferenz in Sofia im Dezember 2004
vorgestellte Aktionsplan benannte vier Ziele für die politische Bildung:
- Bewusstseinsbildung
- Stärkeres Engagement der Mitgliedsstaaten und Durchsetzung nachhaltiger Reformen
- Unterstützung der Mitgliedsstaaten für die Entwicklung einer besseren Infrastruktur, besserer Rahmenbedingungen und Instrumente
- Unterstützung für die Entwicklung von Initiativen und Partnerschaften, um Wissen und Praxis auszutauschen.
Der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten, einer der großen,
traditionsreichen, unabhängigen Trägerverbände der politischen Bildung
in Deutschland, teilt die Analysen und hat mit Freude und Genugtuung
die in ihnen zur Geltung kommende Wertschätzung zur Kenntnis genommen.
Das Europäische Jahr war Anlass für den Verband, seine pädagogische
Praxis zu Kernfragen von Demokratie und Menschenrechten und die
Vielfalt von Themen und Methoden zu dokumentieren, aber auch die
Reichweite der unterschiedlichen Zielgruppen, die von diesen Angeboten
profitieren. Viele Bildungsstätten des AdB haben sich an den
Aktionstagen der Bundeszentrale für politische Bildung beteiligt. Die
Kooperation mit Schulen wird gerade in einem Projekt zur Förderung von
Ganztagsschulen neu ausgelotet und entwickelt.
Das Jahresthema 2006 stellt den Zusammenhang und das Zusammenwirken
von politischer Bildung und Menschenrechtsbildung in den Mittelpunkt
und will auf die Interdependenz dieser Zwillingsbereiche aufmerksam
machen. Schließlich hat der AdB ein europäisches Bildungsnetzwerk für
Demokratie und Menschenrechte – DARE – initiiert , dem zur Zeit 37
Mitgliedsorganisationen in 23 europäischen Ländern angehören, die sich
alle ohne Ausnahme den genannten Zielen verpflichtet fühlen und durch
ihre Bildungsarbeit zur demokratischen Kultur ihrer Länder entscheidend
beitragen.
Gemessen an den hohen Erwartungen und ehrgeizigen Zielen des Europäischen Jahres erinnern wir jedoch daran:
- Die zentrale Rolle von NGO’s – und damit auch des AdB – für die
Demokratie und ihre Anerkennung durch europäische Institutionen findet
in Deutschland keine Entsprechung. Die Rahmenbedingungen für die Träger
politischer Bildung in Bund, Ländern und Kommunen verschlechtern sich
seit Jahren und haben zur Schließung vieler Einrichtungen geführt. Wenn
die Forderungen des Europäischen Jahres und die von ihm formulierten
Erwartungen und Aufgaben realisiert werden sollen, müssen auch die
erforderlichen materiellen Ressourcen eingeplant und bereit gestellt
werden.
- Das Engagement der außerschulischen politischen Jugend- und
Erwachsenenbildung wird trotz gegenteiliger Rhetorik nicht hinreichend
wahrgenommen. Konkrete Vorschläge und Aktionen für die Bildung für
Demokratie und Menschenrechte beziehen sich in aller Regel auf Schule
und Hochschule. Es sind aber die unabhängigen
Nichtregierungsorganisationen, die die „Fundamente der Demokratie
schaffen“ (aus der Warschauer Erklärung vom 23.4.2005)
- Bildung für Demokratie und Menschenrechte, das wird zu Recht in
allen Verlautbarungen des Europäischen Jahres unterstrichen, ist eine
Schlüsselaufgabe der Bildungspolitik. Sie muss dauerhaft gefördert,
langfristig entwickelt werden und verlässlich zugänglich sein.
Partizipation heißt, alle Gruppen der Bevölkerung anzusprechen, sie zu
beteiligen und zielgruppengenaue Angebote zu machen. Sie kann nicht
„von oben“ vorgegeben werden, sondern muss sich von „unten“ entwickeln,
im Dialog mit ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Es muss eine
Grundausstattung für das „Leben und Lernen“ in einer Demokratie geben
für alle Bevölkerungskreise und jedes Lebensalter – nachhaltiges
Lernen, nicht kurzfristige Strohfeuer, wirkungslose Großereignisse,
glatte Kampagnen und praxisferne Expertenrunden.
- Die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis muss verbessert
und aktiviert werden. Es gilt, auf beiden Seiten, blinde Flecken zu
beseitigen und eine wechselseitige Ignoranz zu durchbrechen. Forschung
soll die pädagogische Praxis mit größerer Aufmerksamkeit begleiten, die
pädagogische Praxis ihre Berührungsängste aufgeben. Die
partnerschaftliche Zusammenarbeit beider Bereiche ist ein noch
unausgeschöpftes Innovationspotential, „um Wissen und gute Praxis zu
teilen“.
- Die deutsche politische Bildung hat eine Jahrzehnte alte
Tradition demokratischen Lernens nach den Erfahrungen von NS- und
SED-Herrschaft. Sie hat Geschichte aufgearbeitet und sich mit ihren
europäischen Partnern um Verständigung bemüht. Sie kann eine
experimentierfreudige, reiche interkulturelle Praxis vorweisen. Sie hat
sich intensiv mit Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt
auseinandergesetzt und zur Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit
beigetragen. Diese Erfahrungen will sie mit ihren Partnern aus allen
Ländern Europas teilen. Es geht nicht um die Übertragbarkeit eines
deutschen Modells. Aber es lohnt sich, Gutes festzuhalten und zu
bewahren und auf dieser Grundlage weiterzuarbeiten.
Download der Stellungnahme - pdf-Datei, 85 KB
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